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10 Cloverfield Lane
Kritik der guitarvip.com-Redaktion
4,0
stark
10 Cloverfield Lane
Von
Matt Reeves‘ Found-Footage-Mystery-Horror „Cloverfield“ von 2008 ist nicht zuletzt durch sein inzwischen legendäres virales Marketing zu einem Hit geworden. Nach dem beispiellosen Internet-Hype und dem anschließenden Kassenerfolg wurde natürlich bald von einer möglichen Fortsetzung gesprochen, doch diverse Pläne zerschlugen sich, bis im Januar 2016 gleichsam aus dem Nichts ein Trailer zu einem Film namens „10 Cloverfield Lane“ auftauchte. Der Start des Langfilmdebüts von Regisseur Dan Trachtenberg wurde bereits für den folgenden März angekündigt – und so kam nach kaum einmal zwei Monaten ein Film in die Kinos, von dem bis dahin niemand außer den direkt Beteiligten etwas wusste. Aber ist das Projekt nun wirklich die langerwartete Fortsetzung? Produzent und Geheimniskrämer J.J. Abrams („Star Wars 7“) bezeichnete Trachtenbergs Film als „Blutsverwandten“ von „Cloverfield“ und das trifft es recht gut: Bei „10 Cloverfield Lane“ handelt es sich um so etwas wie eine Mutation jenes Psychothrillers, an dem der Jungregisseur unter den Titeln „Valencia“ und „The Cellar“ schon länger gearbeitet hatte, als ihm der streng geheime „Cloverfield“-Bezug hinzugefügt wurde – so fällt die clever eingefädelte, aber trotzdem etwas konstruiert wirkende Verbindung nicht so eng aus wie dies Fans von Reeves‘ Film gehofft haben mögen. Ganz ohne Wackelkamera- und Zerstörungsorgien ist „10 Cloverfield Lane“ ein überaus spannender, atmosphärisch stimmiger und effektiv inszenierter Thriller mit tollen Schauspielern.

Louisiana: Michelle (Mary Elizabeth Winstead) ist sichtbar außer sich. Sie packt ihre Sachen, aber die Hausschlüssel lässt sie zurück. Sie setzt sich ins Auto und fährt in die Nacht. Unterwegs erhält sie einen Anruf von Ben (Stimme im Original: Bradley Cooper), der sie eindringlich bittet, mit ihm zu sprechen, aber sie geht nicht dran. Wenig später wird die Fahrt der jungen Frau jäh unterbrochen: Nach einem krachenden Zusammenstoß erwacht sie verletzt auf einer Matratze in einem kleinen, kargen Raum ohne Fenster und hängt an einem Tropf. Sie versucht sich zu befreien, als ein Mann das Zimmer betritt, der sich später als Howard (John Goodman) vorstellt. Er behauptet, Michelle vor einem chemischen oder nuklearen Angriff gerettet zu haben: Nur in seinem Bunker sei sie sicher - der Rest der Menschheit habe nicht überlebt. Während Howard sich fragt, ob die Russen oder vielleicht doch die Marsianer hinter der vermeintlichen Attacke stecken, zweifeln Michelle und der dritte Bunker-Bewohner Emmett (John Gallagher Jr.) an den Absichten ihres „Gastgebers“ – doch eine Flucht scheint unmöglich.


Ungeachtet der auf der Zielgeraden deutlicher etablierten Verwandtschaft zwischen beiden Filmen, ist „10 Cloverfield Lane“ vollkommen anders als „Cloverfield“: Regisseur Dan Trachtenberg, der sich bisher vor allem mit dem Kurzfilm „Portal: No Escape“ (über 17 Millionen Views auf YouTube) einen Namen gemacht hat, beschränkt sich weitestgehend auf einen einzigen, eng begrenzten Schauplatz und auf drei handelnde Personen. Wo Matt Reeves rabiat ganz New York in Schutt und Asche legte, setzt der jüngere Kollege auf behutsame Spannungssteigerung und sorgfältige Figurenzeichnung. Wir erleben das Geschehen aus der Perspektive von Michelle und wenn sie nach dem plötzlichen Autounfall in völliger Isolation erwacht und nicht weiß, wie ihr geschieht, ist das für sich schon eine ebenso mysteriöse wie beängstigende Ausgangssituation. Mit dem baldigen Auftreten des zwiespältigen und zweifellos etwas verrückten Howard wird die Verunsicherung noch gesteigert: Ist er ein wahnsinniger Kidnapper oder doch ein Wohltäter mit dem Herzen am rechten Fleck? Geschickt streuen Trachtenberg und seine Drehbuchautoren Josh Campbell und Matthew Stuecken (an der Story war auch noch Damien Chazelle beteiligt, der dann aber „Whiplash“ realisierte) widersprüchliche Hinweise auf Howards Motive, auf seine Vergangenheit und auf das, was draußen wirklich geschehen ist.

Die Filmemacher beherrschen die Genremechanik aus dem Effeff: Neben dem solide konstruierten Skript – wobei Erbsenzähler auch hier ein paar Ungereimtheiten in den Details entdecken werden - tragen vor allem die intensiv-wirkungsvolle Musik von Bear McCreary („The Boy“), Jeff Cutters („A Nightmare On Elm Street“) agile Kameraarbeit und das hervorragende Produktionsdesign von Ramsey Avery (Art Director bei „Star Trek Into Darkness“) zur vielschichtig-bedrohlichen Atmosphäre bei. Wenn Michelle, Howard und Emmett in dem überraschend wohnlichen Gemeinschaftsraum des Bunkers essen, spielen oder 60er-Jahre-Musik aus der Jukebox hören, dann gesellt sich zu der unterschwelligen Spannung eine Spur von Melancholie: Monopoly, alte Zeitschriften, VHS-Bänder – all diese Dinge erinnern im doppelten Sinne an eine vergangene Welt. Dazu werden die Protagonisten von dem Bedauern geplagt, alte Fehler nicht mehr wiedergutmachen zu können. Der Gedanke an früher, an das Außen ist hier nicht nur mit ganz vielen Fragezeichen, sondern auch mit komplexen Gefühlen verbunden. Dies bringen die hervorragenden Darsteller zum Ausdruck. Und erst durch diese emotionale Unterfütterung kann Trachtenbergs virtuoses Spiel auf der Genreklaviatur gerade bei den erzählerischen Paukenschlägen im letzten Filmdrittel seine volle Wirkung entfalten.

Mary Elizabeth Winstead („The Thing“, „Smashed“) steht als Michelle ständig unter Anspannung, lässt sich aber nie unterkriegen. Mit den kreischenden Protagonistinnen vieler Horrorfilme hat sie nichts gemein, vielmehr begegnet sie mit bewundernswertem Einfallsreichtum ständig neuen Herausforderungen und entpuppt sich so als ideale Identifikationsfigur. Während John Gallagher Jr. („Short Term 12“) sich als eher ruhiger Emmett in der dritten Hauptrolle gut behauptet, sorgt John Goodman („Barton Fink“, „Argo“) für die schauspielerischen Bravourstücke. Sein Howard ist kein Psychopath von der Stange, sondern eine zutiefst ambivalente Figur. Er trägt den „schwarzen Gürtel in Verschwörungstheorien“, er ist aufbrausend und gefährlich, aber er hat eben auch auf überaus umsichtige Weise Vorsorge getroffen für den Weltuntergang und wirkt zwischendurch wie ein netter Kerl, der eine gute Spaghettisoße kocht. Wie hervorragend Goodman die Balance zwischen den vielen widersprüchlichen Seiten seiner Figur hält, ist ein weiterer wesentlicher Grund dafür, dass man bei „10 Cloverfield Lane“ so schön mitfiebern kann. Trachtenbergs Psychothriller wäre auch ohne die ominöse Verbindung zu „Cloverfield“ kein schlechterer Film, aber wenn die Frage schließlich in den Vordergrund rückt, sind auch diese Szenen aufregend und gut gemacht. Einzelheiten wollen wir an dieser Stelle nicht verraten, aber weitere „Cloverfield“-Filme sind ganz sicher nicht ausgeschlossen.

Fazit: Unabhängig von allen cleveren Marketingkniffen ein sehr spannendes und hervorragend gespieltes Psychothriller-Kammerspiel mit Knalleffekt-Finale.

Und hier noch Dan Trachtenbergs Kurzfilm „Portal: No Escape“, der einige inhaltliche und ästhetische Gemeinsamkeiten zu „10 Cloverfield Lane“ aufweist:

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Kommentare

  • FAm Dusk Till Dawn
    Sehr Geil. Das Fazit sagt alles was man wissen muss: Must See!
  • Zero7
    Wieso wird auf der Titelseite mit "J. J. Abrams" 10 Cloverfield Lane geworben? Hier wird nur um für die Kritik zu werben fast schon eine Lüge verbreitet! Mag sein, dass Abrams an dem Film mehr beteiligt ist, als so manch anderer Produzent, "sein" Film ist er trotzdem nicht.
  • Fain5
    Einzelheiten wollen wir nicht verraten... Selten so gelacht, wenn in der ganzen Kritik mit Zaunpfählen nur so geworfen wird und der Trailer auch schon wieder alles verrät.
  • Fain5
    Doch ist es eben genau wegen dem was du auch schon geschrieben hast. Abrams ist bekannt. Sonst wird selten ein Produzentenname genannt aber in diesem Fall schon, damit noch mehr Leute drauf klicken.
  • Evil Empire
    Hoffe der Film ähnelt sich nicht zu sehr wie "The Divide"
  • Modell-101
    Hoffe das zur Cloverfield-Story nicht in Zukunft immer drum herum gespielt, sondern endlich Nägel mit Köpfen gemacht wird.
  • Slevinho
    Bin gespannt auf den film, ich weiss gar nicht wann ich zu letzt einen guten Horrorstreifen gesehen habe.
  • Fain5
    Weil FS ja auch kein Clickbaiting betreibt... Wie mir so Klugscheisser wie du auf den Keks gehen. Aber ein Tipp: Wenn du demnächst meinen Namen in der Kommentarfunktion siehst, dann lies halt nicht was da steht. Und lerne zu differenzieren, wenn du schon behauptest ich wäre IMMER dagegen. Klingst ja wie ne Frau, immer und nie und so, gell?
  • Fain5
    Ich soll mich nicht auf den Schlips getreten fühlen, wenn du mich persönlich kritisierst, in dem du nur meine negativen Meinungen hervorhebst? Du musst noch einiges lernen. Aber klar, erst den Mund aufmachen und danach zurückziehen... ich liebe solche Leute. Wenn du dir die Mühe gemacht hättest auch andere Kommentare von mir zu lesen dann wüsstest du, dass ich gerne bereit bin zu diskutieren solange man mit Argumenten kommt.
  • Fain5
    It follows geguckt? Der hatte mich zuletzt gut gegruselt. Und The Visit. Wobei ich aber denke dass dieser hier eher ein Thriller statt ein Horrorfilm wird.
  • Slevinho
    Nein it follows habe ich nicht gesehen, vielleicht schaue ich mir den Film mal an. The visit habe ich gesehen und er hat mir gut, aber nicht besonders gut, gefallen. Über weite Strecken war er ereignislos und die gruseligen Szenen kann man an einer Hand abzählen.
  • Fain5
    Ja ich sag auch dass The Visit einfach ein echt guter hm Schocker wäre zu krass aber Grusler war. Ich mein dafür dass er ab 12 ist war er doch schon gelegentlich echt fies.
  • Filmfan47
    Ich habe den Film in einem Cineplex-Kino in Vancouver (mit UltaAVX) gesehen und es war einfach nur atemberaubend! Der Film an sich ist richtig gut gelungen und der brachiale Sound in dem Kino hat dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt.Der Film ist eine totale Empfehlung und wenn es geht, dann schaut ihn so laut wie möglich und in OV. John Goodman spielt brillant!
  • Der Eine vom Dorf
    Komme gerade aus dem Kino. Ganz starke Atmosphäre und auch sonst super inszeniert, ganz zu schweigen von den Darstellern (John Goodman!!!). Sehr sehenswert.
  • Der Eine vom Dorf
    Ich muss dich "enttäuschen". Ich habe den Trailer mehrmals gesehen und dachte ebenfalls, er würde bereits den Verlauf des Films zeigen. Dem ist aber nicht so. Es gab wirklich einige unerwartete WTF-Momente! Kinobesuch ist in jedem Fall zu empfehlen.
  • Der Eine vom Dorf
    It Follows hat auch mich extrem vom Hocker gehauen. Schon lange fühlte sich kein Film für mich so "echt" an.
  • GamePrince
    Den fand ich eigentlich ganz gut
  • Man Of Steel
    Gebe dir zu 100% Recht... Diesen Film mit 4 Sternen zu bewerten und BvS mit 2 ist wirklich Käse....
  • Jacques S.
    Durchwegs hoch spannend und hervorragend gespielt. Besonders Goodman beweist hier seine Vielseitigkeit. Sehr empfehlenswerter Psychothriller!
  • Admiratio
    Erklärst du uns das Logikloch?
  • Admiratio
    xDWas hat das mit dieser Kritik zu tun?Was hat das auf einer Film-Kritik-Seite verloren?
  • Admiratio
    Bin völlig ohne Erwartungen in den Film gegangen und wurde positiv überrascht!Interessanter Film, gute Schauspieler, cleveres Drehbuch. Es gibt immer wieder neue Puzzle-Stücke bzw. Enthüllungen, die im Wesentlichen nachvollziehbar und logisch sind. Natürlich ist das alles schon irgendwo recht konstruiert, aber dafür ist es nunmal auch ein Film.Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und war mir bis zum Ende nicht sicher, wie es ausgeht.Hervorzuheben ist auch aus meiner Sicht John Goodman: für eine solche Leistung sollte man über eine Oscar-Nominierung nachdenken. In jeder Szene schwankt er zwischen Wahnsinn und dem lieben Onkel - und man nimmt es ihm vollkommen ab. Der Mann versteht sein Handwerk einfach!
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